6 Ameisen -

21.01.2012 - 10.02.2012

presented by Nadja Ismail


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In der Ausstellung 6 Ameisen präsentiert Marc Aschenbrenner (*1971) seine neueste, gleichnamige Videoarbeit, deren visuelle Wirkung sich als begehbare Installation in den Ausstellungsraum fortsetzt. Fasziniert von der klaren Ordnung innerhalb eines Ameisenstaates, dessen minutiöse Beobachtung den Ausgangspunkt der ausgestellten Arbeit bildet, erzählt Aschenbrenner von der Realität des Daseins an sich. Die architektonisch verschlungene Insektenkolonie verengt sich filmisch zur 30qm-Heimstatt in Berlin Mitte, wo der Künstler als Äquivalent zum animalischen Vorbild mit wechselnden Rollen sein individuelles Kastensystem definiert. Besucher des S T O R E treten ein als Beobachter und finden sich gleichsam als Teil eines vermeintlich alltäglichen Lebens in das Werk integriert. In seiner filmischen Darbietung verflicht der Künstler klug die banalen Verrichtungen des Alltags, denen die Bewohner seines Mikrokosmos’ nachgehen und transponiert damit gleichzeitig subtil das eigentliche und unerlässliche Fundament einer jeden Gemeinschaft. Aschenbrenner bewegt sich selbst in unterschiedlichen Rollen mit nur bis zu einem gewissen Grad dekodierbaren performativen Aktionen im Spannungsverhältnis von Einsamkeit und Zugehörigkeit zum Kollektiv. Eine Aura der Verletzlichkeit umgibt die Gestalt, verstärkt von der ungewöhnlichen Bekleidung, die ein Markenzeichen des Künstlers ist. Wie eine zweite Haut schmiegt sich ein enger Ganzkörperanzug aus Materialien wie Kunststofffolie und Gewebeplane um den menschlichen Körper, der häufig genug auch das Antlitz einschließt. Im verschlossenen Anzug wird jeder Schritt und jeder Handgriff zur Anstrengung, die sich dem den Rezipienten vermittelt. Scheinbar ohne ausreichende Sauerstoffzufuhr und am ganzen Körper erhitzt, möchte man sich stellvertretend für den Akteur die Haut vom Leibe reißen, um wiederatmen zu können. Was für den Betrachter beim Gebaren von Aschenbrenner schier unerträglich erscheint, bietet gleichzeitig eine totale Fokussierung auf den eigenen Leib, der die Sinne und äußeren Reize weitestgehend ausschließt. In völliger Konzentration auf die Aufgabe agiert der Künstler stellvertretend für alle Lebewesen. Doch während die Tier- und besonders die Insektenwelt eine perfekte Symbiose von Individuum und Kollektiv eingegangen ist, damit das Überleben der eigenen Spezies gewährleistet bleibt, ist der homo sapiens in seinem Streben nach Einzigartigkeit innerlich zerrissen.
Aschenbrenners Stilmittel wecken Erinnerungen an den Wiener Aktionismus der 1960er und 70er Jahre, in denen der eigene Körper performativ an seine Grenzen und darüber hinaus getrieben wurde. In religiös anmutenden Ritualen mit politischem Impetus wurde u.a. die Selbstverletzung öffentlich zelebriert und Gegenstände des Alltags zweckentfremdet, aber auch Tierkadaver und Blut verwendet, um mit der drastischen Zurschaustellung einer neuen Kunstform auch einen Gesellschaftswandel herbeizuführen. Neben der Liveperformance als Ausdrucksmittel, wählt auch Marc Aschenbrenner ein zeitbasiertes Medium sowie die Fotografie, um das Geschehen festzuhalten. Im Loop wird das tägliche Ritual zur Sisyphosarbeit und lässt inhaltlich Fragen nach Herkunft und Aufgabe im Sinne des Existenzialismus zu. Mit einer unverwechselbaren Ästhetik seiner zeit- und deutungslosen Räume kreiert Aschenbrenner einen ganz eigenen Kosmos, in dem das Scheitern als Teil des Daseins vorkommt. Im Schein großer Fragen nach Herkunft, Aufgabe und Sinn des Lebens umweht seine unpathetischen Statements stets ein Hauch von Ironie. (Nadia Ismail)


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Marc Aschenbrenner (*) lives and works in Berlin. www.vimeo.com/marcaschenbrenner